Fundtierunterkunft Halberstadt

Als aktiver Tierschützer fühlte ich mich verpflichtet, einer armen Seele ein Zuhause in meiner Wohnung zu geben. Das Angebot an Katzen, die kein Zuhause haben, ist groß und ich hätte niemals eine auswählen können. Denn wie soll ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, eine Katze auszuwählen und eine andere nicht, das könnte ich nicht. So habe ich mich mit meinen Mitstreitern in Sachen Tierschutz darauf geeinigt, dass es eine Katze sein sollte, die keine Chance auf eine Vermittlung hatte und schnell war eine Katze gefunden.

Molli, alias Trixi, war die Auserkorene. Sie hing als Angebot an der Pinwand eines Supermarktes. Eine private Tierschützerin sah die Annonce, notierte sich die Telefonnummer und so kam die Vermittlung zu Stande. Eine etwa zehn Jahre alte, weibliche Samtpfote mit großen Kulleraugen und Bollerkopf. Oft ist eine Vermittlung von Zufällen abhängig und nur durch Tierschützer, die jede noch so kleine Chance wahrnehmen ein Tier unterzubringen, dann auch vom Erfolg gekrönt. 

Am letzten Sonntag war es dann soweit. Molli wurde von ihrem Frauchen gebracht. Sie musste Molli abgeben, weil sie in einem anderen Ort eine mehrjährige Schulung absolvieren muss und dazu in einem Internat wohnt und dort sind Tiere nicht erlaubt. Monatelang suchte sie nach einer Bleibe für Molli, am Ende wäre sie ins Tierheim gekommen mit null Aussicht auf eine Vermittlung.

Der erste Schritt in ein neues Leben für Molli war getan. Gegen sechzehn Uhr klingelte die Türglocke und Frauchen, Oma und Molli im Korb, standen vor der Tür. Nach einem kurzen Gespräch wurde der Korb geöffnet und Molli sah zum ersten Mal ihr neues Herrchen!!! Denkste, sie nahm erst einmal keine Notiz von mir. Ich dachte: Gut wird schon werden, hoffentlich! Frauchen und Oma blieben noch ein wenig und verabschiedeten sich dann und verschwanden mit traurigen Zügen im Gesicht gen Heimat, ohne ihre geliebte Katze. 

Molli hingegen hat sich unter meinem Bett verkrochen und verharrte dort der Dinge, die da kommen mögen. Hin und wieder bin ich zum Bett gegangen und habe meine Hand in Richtung Molli gehalten. Diese Aktion beantwortete Molli mit einem markerschütternden Fauchen, das mir die Nackenhaare hoch gingen. Das wird schon, machte ich mir Mut! Die Nacht verlief dann ohne Zwischenfälle. Molli unterm Bett und ich im Bett. Immer wenn ich mich im Bett bewegte, knurrte es unter mir so, daß ich versuchte mich so wenig wie möglich zu bewegen und ich dachte wieder: Das wird schon werden, vielleicht irgendwann! 

Die Nacht war zu Ende gegen fünf Uhr morgens. Molli machte Toilette, sie machte dabei solch einen Lärm, dass ich ihr schon fast Absicht unterstellte. Aber auch jetzt sagte ich zu mir: Das wird schon werden, oder? Bin dann doch noch einmal eingeschlafen und Molli ließ es auch zu. Der Vormittag verlief ohne nennenswerte Vorkommnisse. Molli unterm Bett, ich im Wohnzimmer. Ich dachte, so geht das nicht weiter, ich muss etwas unternehmen. Meine Idee war, mich auch unters Bett zu legen und Molli Gesellschaft zu leisten, was ich dann auch tat. Einen neuerlichen Annäherungsversuch quittierte Molli, indem sie mir zwei Reihen spitzer Zähne zeigte, untermalt von einem sonoren Grollen. Das war wohl nichts, dachte ich, aber das wird schon noch werden! Ich dachte, na gut Fräulein, dann müssen wir eben einen anderen Weg einschlagen.

Ich ließ Molli allein in der Wohnung und besorgte, in einem Zoogeschäft, Baldriankissen und Leckerlis. Die Stunde der Wahrheit, war mein einziger Gedanke dabei. Wie wird Molli darauf reagieren? Ich legte ihr Leckerlis und Baldriankissen unters Bett und beobachtete ihre Reaktion----- nichts, einfach nichts, keine Wimper hat sie bewegt. Ich war mit meinem Latein am Ende. Ich grübelte noch so vor mir hin, was ich denn noch so machen könnte um Mollis Herz zu erobern, als sich plötzlich ein Katzenkörper an meinem Bein schmiegte, begleitet von einem heftigen Schnurren. Der Bann war gebrochen, Molli ist von allein zu mir gekommen und hat mir sozusagen ihre Freundschaft angeboten. In mir stieg ein rührendes, warmes Gefühl des Glückes auf. Die Geburt einer fantastischen Freundschaft hatte ich gerade erlebt. Molli hatte sich einfach die Zeit genommen mich zu studieren. Keine Baldriankissen oder Leckerlis konnten sie davon abbringen, selbst zu entscheiden, wann, wo und ob überhaupt. Man, da habe ich als Tierschützer wieder etwas dazu gelernt. Molli hat mir gezeigt, das sie nicht käuflich ist und selbst eine Zuneigung aufbauen kann, ganz ohne die üblichen Bestechungsversuche. Die zweite Nacht schlief Molli direkt neben meinem Kopf und stupste mich ab und zu liebevoll an und schnurrte dabei so das ich genüsslich mein Kopfkissen zurecht rückte und wieder einschlief. Molli ist nun angekommen, alles wird gut. 

Rolf Schröder 

molli

 

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